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Landschaft als Ausdrucksform, Bettina Zundel M.A.

Kunstverein Oberer Neckar, Horb

Franz Marc sagte: „Der Wille zur Form ist die Definition für unsere Kunst.“ Die Form selbst, die organische Komposition und der Wille zur Form sind die Basis für die Auseinandersetzung, die Begegnung und auch das Niederschreiben eines Themas in Form von Malerei. Die Natur in ihrer Vielfalt ist bevorzugtes Motiv von Joachim Wörner. In seinem Oeuvre thematisiert er vorwiegend die Landschaft, die er jedoch in unterschiedlichster Weise darstellt. Steht die Landschaft einerseits in Nahsicht im Mittelpunkt seiner Bilder, schafft er andererseits auch Werke mit Weitblick, die den klassischen Landschafts-Bildaufbau von Himmel, Horizont und Erde besitzen.

Charakteristisch für den Künstler ist, dass wir es hier nicht mit der realistisch abgebildeten Landschaft zu tun haben, sondern mit einer Darstellung der Natur, jedoch keiner Abbildung derselben. Dabei spielen in der Natur gefundene und aufgenommene Formationen und Strukturen wie auch grafische und malerische Mittel eine
wichtige Rolle. Aus ihnen entsteht letztlich die endgültige Bildform. Der Künstler selbst beschreibt diesen Vorgang so: „Das künstlerische Verfahren, also der Malprozess, ist vergleichbar mit erdgeschichtlichen Vorgängen, mit Vorgängen in der Natur.“ So entstehen seine Werke in einem lang anhaltenden Prozess und in Anlehnung an die geologische Entstehungsgeschichte, nämlich Schicht für Schicht.

Aufgrund dessen ist es nur selbstverständlich, dass erste Gedanken oder Bildideen nur als Anstoß für einen malerischen oder zeichnerischen Entwurf verwendet werden und meistens keinen permanenten Bestand haben. Der Inhalt der Bilder entsteht bei der kreativen Arbeit und ist ein Prozess, der sich nach und nach entwickelt. Am Anfang steht die formale Idee, die dann den Weg der Entwicklung vorgibt. Deshalb ist die Entstehungsgeschichte des Bildes vergleichbar mit den Entwicklungsstufen der Natur, bestimmt durch Wachstum und Verfall. Diese Etappen bei der Bildentstehung werden von Übermalungen begleitet.

Die Suche nach Festigkeit und Sicherheit bestimmt den Bildfindungsprozess. Daher spielt für den Künstler der Faktor Zeit eine wesentliche Rolle und das daraus resultierende Bemühen, das er als Intensität der Suche
benennt. Er formuliert weiter, die vorläufige Vollendung eines Bildes sei der Versuch einer Zäsur im zeitlichen Fluss, in diesem fortwährenden Wandlungsverlauf. Joachim Wörner beschreibt dies so: „Es entsteht eine Spannung
zwischen phänotypischen und morphotypischen Aspekten der Naturdarstellung.“ Er stellt also der Erscheinung, dem Atmosphärischen wie Luft und Farbe, die Form und Struktur gegenüber. Weiter führt er aus, dass, wenn man das entstandene Bild unter dem Aspekt der Geologie betrachte, es als Nährboden
für Phantasie und Imagination diene.

Am Ende steht etwas vorläufig Abgeschlossenes, Neues mit Bezug zur Welt aber doch als eine Welt für sich. Die Natur entsteht und formt sich im Bild neu. Joachim Wörner sagt selbst: „Die Kunst richtet sich gegen Logik und gegen rationales Denken, riskiert Undenkbares und macht Unsichtbares sichtbar“. Dabei verweist auch die Wahl des Materials auf die Persönlichkeit des Künstlers, lässt Schlüsse auf seine Art des Problemlösens zu und gibt zu erkennen, ob der Maler intuitiv, reflektierend, spontan oder berechnend an das Motiv herangeht. Stets haben das Material und die Farbwahl eine anregende Wirkung, ihr sinnlicher Reiz ist herausfordernd.

Die Werke sind größtenteils in Acryl gemalt, zum Teil sehr wässrig, oft ist die Farbe auch mit Sand vermischt, weil dies eine pastose Konsistenz ergibt. Diese Mischung wird in mehreren Schichten aufgetragen, überwiegend auf Leinwand. Farbe als flüssiges oder pastoses Material tendiert zu offenen freien Formbildungen, die, auf den Malgrund gebracht, fließen und neue Strukturen bilden. Diese Auseinandersetzung mit dem Material prägt den gesamten Arbeitsprozess und lässt die Bilder hauptsächlich aus der Farbe entstehen. So dienen motivische Vorgaben als Korrektiv, sie wirken aber nicht bildbestimmend.

Wiederholt sind in den Bildern Wellen und Kurven zu sehen, die bestimmte Assoziationen auslösen, wie die Schwingung der Farbe und des Lichts. Es ist ein Spiel der Formen und Farben, teils gegenständlich, teils abstrahiert. Die Form ist ein stückweit weggenommen, und die geschaffenen Landschaften beginnen sich zu verströmen, der jeweiligen Gesetzgebung folgend. Die stattfindenden Bildprozesse ergeben eine fertige und in sich ruhende Bildform. Diese kann durchaus wiederholt übermalt sein, denn in ihnen sind lebende Bildvorstellungen festgehalten und diese münden immer wieder in die Landschaften, die Natur nicht abbilden, sondern darstellen. Jedes Bild unterliegt eigenen Gesetzen, enthält seine individuellen Werte und ist eine eigene manifestierte Aussage, die eine nur für dieses Werk geltende organische Ordnung darstellt. Festigkeit und Struktur, aber auch Freiheit sind gesucht. Ein Vergleich mit den Improvisationen des Jazz sind nahe liegend und vom Künstler durchaus gewollt.

Die Landschaften von Joachim Wörner lassen Platz für das Informell-abstrakte. Er sucht zwischen Fülle, Leere, Formationen und einer einheitlich großen Farbfläche eine malerischlineare Mischung bzw. Verbindung. Dabei orientiert er sich nicht strikt an der Lokalfarbe, sondern verwendet autonome Farben, die ein Eigenleben haben und sich nicht an die Natur halten, da sie keine Erscheinungsfarbe sind. Die gestalteten Farbflächen sind Farbkompositionen, die von hellen, kräftigen, leuchtenden bis zuweilen pastelligen Tönen dominiert werden.

Oft dienen Fotos als Vorlage für die Struktur und Formation der Bild-Landschaft oder es ist diese dadurch geprägt, und auf diese Weise ist die Fotografie mittelbar Anstoß für neue Impulse. Häufig dienen sie auch als Anhaltspunkt, wobei die Bilder dann eine ihnen eigene Dynamik entwickeln.

Vorbildhaft steht hierfür auch Cezanne, der in seinen Bildern des Kubismus ebenso die Natur abstrahiert sieht und eine Realität für sich sucht. Dies betrifft nicht zuletzt die eigenen Gesetze bezüglich der Farbe. So ist es bei Cezanne gleichfalls eine Abbildung bzw. in dieser eine Wiedergabe, nämlich seine Wiedergabe der Landschaft, der Struktur der Natur. Die Bilder Cezannes sind vielmehr Gleichnisse und folgen bestimmten Gesetzen der Natur. Die bloße Informelle Malerei ist Joachim Wörner zu vage, da sie sich ohne atmosphärische Übersetzungen des realen Landschaftseindrucks in Struktur und Form präsentiert, weshalb er sich stärker an dem formellen Aufbau von Landschaften orientiert. In vielen seiner Bilder lassen sich umrisshafte Formen, die trotzdem abstrakten Charakter besitzen, erkennen. Wiederkehrende Elemente, wie flächige Ein- oder Umgrenzungen, Umrandungen oder Einkreisungen sind deutlich sichtbar. Sie präsentieren sich nicht wirklich kreisrund, nicht perfekt, sondern fragmentarisch. Es wird evident: Nicht die Vollkommenheit, sondern das Entstehen, das Werden stehen im Zentrum des künstlerischen Schaffens.

 

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